Point-And-Shoot #7: Zu Besuch bei der NRA

November 20, 2013

Das Kürzel NRA steht für "National Rifle Association", also für die Vereinigung der Sportschützen und Waffen-Lobbyisten in den USA. 

Mit ihren vier Millionen Mitgliedern hat sie enormen Einfluss auf die amerikanische Politik und Gesellschaft, und mit Finanzstärke und kompromissloser Lobbyarbeit beeinflusst sie Wahlen und Gesetzgebung. Im Zusammenhang mit den Schießereien an amerikanischen Schulen und Universitäten ist die NRA in den letzten Jahren immer wieder in der Presse aufgetaucht. Was genau die NRA tut und wer dahinter steht, kann man leicht selbst nachlesen. Die Wikipedia hat ausführliche Einstiegsartikel, sowohl auf Deutsch wie auch auf Englisch

Im Hauptgebäude der NRA in Fairfax, VA, befindet sich das "National Firearms Museum", das man auch als Privatperson kostenlos besuchen kann:

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Man muss klingeln, um reinzukommen und die Taschen müssen am Empfang abgeben werden. Fotografieren ist nur erlaubt, wenn man ein Formular unterschreibt, auf dem man sich verpflichtet, die Bilder ausschließlich für private Zwecke zu verwenden. Jede Art von Veröffentlichung, auch im eigenen Blog, erfordert eine schriftliche Genehmigung. Diese habe ich unter Auflagen zwar zunächst erhalten, aber später stellte sich heraus, dass sie mit dem Inhalt des Artikels nicht in Einklang zu bringen waren, und ich habe die Fotos wieder entfernt. Wer mag, schaut sich auf der Website des Museums um, dort sind viele Bilder zu finden.

Was gibt es zu sehen? Nun ja, ... Waffen natürlich, und zwar hauptsächlich Schusswaffen aller Art. Gewehre und Pistolen verschiedenster Kaliber, Herkunft und Machart, manuell und automatisch, antik und up-to-date, thematisch zusammengefasst in Gruppen wie "Road to American Liberty", "America ascending", "The American West" oder "For the Fun of it". Fein säuberlich arrangiert in unzähligen beleuchteten Schaukästen, untergebracht in teilweise aufwändig gestalteten Räumen, die dem jeweiligen Thema entsprechend ausgestattet sind. 

Gleich zu Anfang kommt man in eine Art Jagdzimmer, mit Sofas aus braunem Leder und dunkel getäfelten Holzwänden, dekoriert mit Elefanten-Stoßzähnen, US-Flagge und bronzenem Wasserbüffel. Nebenan kann man Hermann Göring's Jagdgewehr bewundern. Auf der anderen Seite findet man die Film-Waffen unzähliger Schauspieler; darunter die von Eddie Murphy, Bruce Willis, Tom Hanks und Clint Eastwood. Der langjährige NRA-Präsident Charlton Heston hat seine eigene Gallery ("Seeds of Greatness"), John Wayne steht lebensgroß am Eingang der Hollywood-Gallery, und der sympathische Tom Selleck alias "Magnum" empfängt einen gleich am Eingang. Er steht neben dem in goldenen Lettern gehaltenen Zitat aus dem 2nd Amendment "...the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed".

Ein Schießkino hebt den unterhaltsamen Teil der Schießerei hervor. Das Kinderzimmer aus den 50ern, das über und über mit Spielzeugpistolen und -gewehren ausgestattet ist, zeigt wie der Nachwuchs an die Sache herangeführt wird. Vielleicht wird man irgendwann einmal so berühmt wie der Schießkünstler Ed McGivern, dessen zerschossene Geldstücke ebenfalls ausgestellt sind. Das mit allerlei Jagdtrophäen ausgestattete Arbeitszimmer von Teddy Roosevelt ist ebenso zu sehen wie der klassische Small Town Rifle Shop aus dem 19. Jahrhundert. Eine Szene aus dem zweiten Weltkrieg zeigt amerikanische GIs vor einem Haufen beschlagnahmter deutscher Waffen, an der Mauer dahinter steht "Kilroy was here". Am Ausgang des Museums gibt es einen Gift Shop, in dem einschlägige Literatur, Souverniers und alle möglichen Schießutensilien angeboten werden. Dort kann man auch ganz lustige Andenken kaufen, wie beispielsweise Feuerzeuge in Gewehroptik oder Babylätzchen mit NRA-Aufdruck.

So weit, so gut. Hat mir das Museum gefallen? Ehrlich gesagt, ich fand es etwas langweilig, oder besser gesagt, langatmig.

Es stellt viel Technik zur Schau, aber erklärt wenig. Von Ausnahmen abgesehen wird nicht etwa die Funktionsweise der Ausstellungsstücke erläutert, oder gezeigt, welche Erfindungen und Entdeckungen zu ihrer Entwicklung beigetragen haben. Stattdessen wird etwas oberflächlich ihr Wert und ihre "Schönheit" zelebriert, indem Äußerlichkeiten wie Handschalen aus Elfenbein, goldene Intarsien oder edle Aufbewahrungsboxen hervorgehoben werden.

Durch die Nähe zu Berühmtheiten wie amerikanischen Präsidenten und Hollywood-Legenden wird eine bedeutungsvolle Grundatmosphäre geschaffen, und über die Verbindung zum "Sport" (auch die Jagd zählt dazu) werden die Waffen verharmlost. Weiterhin werden die Schusswaffen als notwendiges Instrument der Selbstverteidigung und als unerlässlicher Garant der Freiheit dargestellt. Das umfasst offensichtlich auch das Führen von Kriegen (auf fremdem Grund) und den ggfs. nötigen Kampf gegen eine übermächtige und ungerechte Regierung im eigenen Land.

Das Museum mag für Waffen-Liebhaber und -Sammler toll sein, aber mich hat die oberflächliche und einseitige Darstellung wenig befriedigt. An keiner Stelle wird diskutiert, dass Schusswaffen üblicherweise auf Menschen gerichtet werden und was dabei angerichtet wird. Sandy Hook? Virginia Tech? Columbine? Kommt im Museum nicht vor! Mehr als 30.000 Schusswaffentote seit Newtown und 10.000 Morde und 20.000 Selbstmorde pro Jahr mit Schusswaffen? Nicht im NRA-Museum! Wie sehen Schusswaffenverletzungen aus? Was richtet eine 45er an, was ein Hochgeschwindigkeitsgeschoss? Wie werden Schusswaffen hergestellt und wie viel Geld wird mit ihrer Herstellung und ihrem Verkauf verdient? Welche Verbindungen hat die NRA zur Regierung und Industrie? Das alles und noch viel mehr interessiert das NRA-Museum nicht. Natürlich nicht!

Angesichts des großen Unheils, das mit Schusswaffen angerichtet wird, habe ich mich immer wieder gefragt, warum man gewöhnlichen Privatpersonen das Tragen und Benutzen von Pistolen und Gewehren nicht einfach verbietet. Oder wenigstens die automatischen Waffen und großen Magazine aus dem Verkehr zieht. Das kann doch nicht so schwer sein? Vor ein paar Jahren war Amerika noch weit weg, und aus (nord)deutscher Sicht lagen die Dinge einfach: Obama war gut, die Republikaner schlecht, die NRA und Tea-Party klare Feindbilder. 

Nun, nach zwei Jahren vor Ort weiß ich mehr und sehe die Dinge etwas differenzierter. Ich will nichts schönreden, aber der Besitz und das Tragen von Schusswaffen ist in den USA ein Grundrecht und wurde - seinerzeit aus gutem Grund - als 2nd Amendment in die amerikanische Verfassung eingebaut. Ebenso wie die Redefreiheit oder die Freiheit der Presse. Natürlich bedeutet das nicht, dass man dieses Grundrecht nicht regulieren oder einschränken könnte - so wie es viele Bundesstaaten bereits tun. Aber man kann es nicht einfach wegnehmen. Schusswaffen als unerläßlicher Garant individueller Freiheit ist im NRA-Museum eine gern bemühte Formel: "It's more than guns, It's freedom!!".

Bei geschätzten 300 Millionen Schusswaffen in privaten Haushalten denken viele: "Ich gebe meine Waffen gerne ab - aber erst, nachdem alle anderen es getan haben". Es liegt auf der Hand, dass das wohl niemals klappen wird. Für den Wunsch, eine Waffe im Haus zu haben, um sich im Falle eines Falles selbst verteigen zu können, kann ich angesichts der latenten Bedrohung in bestimmten Gegenden oder Situationen (und aus eigener Erfahrung) mittlerweile sogar ein gewisses Verständnis aufbringen.

Es gibt eine ganze Reihe von Gruppen, die sich für die stärkere Kontrolle von Schusswaffen einsetzen, zuletzt Gabrielle Gifford's Americans for Responsible Solutions. Aber Mehrheiten werden in den USA durch Öffentlichkeitsarbeit und Lobbyismus gewonnen - meist mit viel Geld, das in großen Kampagnen ausgegeben wird. Die NRA ist einer der größten Lobbyisten in Washington und wer da nicht mithalten kann, wird kaum etwas bewegen. Von der reformfreudigen Stimmung, die unmittelbar nach Sandy Hook herrschte, ist nicht mehr viel zu spüren, Mehrheiten für mögliche Gesetzesänderungen sind fragwürdig. Es bleibt zu konstatieren, dass der Besitz und die Verwendung von Schusswaffen in den USA komplexe Probleme sind, für die es keine einfachen Lösungen gibt. 

Einfach sind die Zusammenhänge nur, wenn man eine sehr einseitige Sicht auf die Dinge pflegt. 

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