Point-And-Shoot #12: Der 9:30 Club

June 11, 2014

Ist man als Tourist zum ersten Mal in D.C., wird man sich zunächst einmal die National Mall mit all ihren Monumenten und Museen ansehen. Sicher auch das Weiße Haus, das Capitol oder die Library of Congress. Dann kommen der Arlington National Cemetery, Georgetown oder die nicht minder beeindruckenden Museen in der "zweiten Reihe" dran. Mit etwas Glück erlebt man die uniforme Geschäftigkeit von K, L und M Street, erklimmt das Old Post Office oder bewundert die Constitution der Vereinigten Staaten in den National Archives.

Unter Tages- und Wochenendtouristen weniger bekannt ist, dass die "langweilige" Hauptstadt der Kontraktoren und Lobbyisten auch eine lebhafte Musik- und Club-Szene hat. Wenn man am Ende des Tages noch etwas Zeit hat, sollte man sich unbedingt einmal im Umfeld der U Street umsehen, denn zwischen Adams Morgan und Shaw spielt sich das Nachtleben von D.C. ab.

Am östlichen Ende des U Street Korridors befindet sich mit dem 9:30 Club eine der kultigsten Musik-Veranstaltungsstätten der Stadt.

In den 80er Jahren sind dort die Bangles und Police aufgetreten, später die Red Hot Chili Peppers und die Beastie Boys. Sogar Bob Dylan hat im 9:30 Club schon ein Konzert gegeben. Letzten September war Herbert Grönemeyer da, und als Botschaftsangehöriger konnte man dank Backstage Ticket sogar persönliche Bekanntschaft mit dem Künstler machen (wenn man wollte).

Im April waren die Musiker von Kraftwerk zugegen und haben ein tolles Konzert gegeben; für Synthesizer-Fans wie mich wahrhaftig eine Offenbarung. Demnächst treten Bebel Gilberto, Xavier Rudd, Sharon Van Etten und viele andere kleine und große Namen im 9:30 Club auf. Irgend etwas ist immer los, und man hat das beruhigende Gefühl, vom Mainstream stets ein gutes Stück entfernt zu sein.

Der Club hat etwa denselben Charme wie die "Fabrik" in Hamburg. Die Bands sind klasse, die Eintrittspreise moderat und das Bier ist erschwinglich. Bei Tageslicht schaut man besser nicht allzu genau in die Ecken, aber die hauseigene Anlage klingt gut und mit maximal etwa 1200 Gästen bleiben die Konzerte überschaubar. Wer früh genug da ist, kann sich wahlweise direkt vor die Bühne stellen oder das Geschehen ganz entspannt von der Galerie aus verfolgen.

Die Photo Policy ist relativ lax. Der Club selbst hat keine Einwände gegen Kameras, sondern überlässt die Entscheidung den Bands: "Recording policies are at the bands discretion and change night to night. You may bring your camera with the understanding that you might need to check it with us for the duration of the show." Ich würde das Konzert vielleicht nicht gerade filmen oder audiotapen, aber meiner Erfahrung nach stört es niemanden, wenn man mit dem Handy oder einer Kompaktkamera ein paar Bilder macht.

Verlässt man den Club schließlich kurz vor (oder nach) Mitternacht, hat man das Nightlife von D.C. zu Füßen liegen. Besonders kultig, und perfekt geeignet, um den ersten Hunger zu stillen, ist Ben's Chili Bowl, in dem die legendären "Half Smokes" und "Chili Dogs" serviert werden. Bill Cosby und Barack Obama bekommen sie umsonst, aber wir Normalsterblichen zahlen gerne ein paar Dollars, um in den Genuss eines der kulinarischen Highlights von Washington, D.C., zu kommen.

Ganz in der Nähe befindet sich das bekannte Howard Theatre, und westlich des 9:30 Clubs beginnt der U Street Korridor und bietet mit seinen Clubs und Restaurants genügend Möglichkeiten, noch irgendwo einzukehren. Der multikulturelle Trubel hier erinnert ein wenig an Hamburg oder Berlin, ein Besuch lohnt sich immer!