Point-And-Shoot #5: Glenstone

October 29, 2013

Als Torpedo-Factory-Künstler Eric Margry mich einmal beiläufig fragte, ob ich schon "Glen­stone" besucht hätte, das "World Class Museum in Potomac", habe ich ihn ungläubig ange­schaut. Ein Weltklasse-Museum im verschlafenen Potomac? Kann das sein? Er drängte mich, es anzuschauen, und so habe ich mit ei­nem Bekannten zusammen auf den Weg gemacht. Eric hatte nicht zuviel versprochen!

"Glenstone" ist das Privatmuseum des Milliardärs Mitchell Rales und seiner Frau Emily. Sein Anspruch ist es, Kunst, Architektur und Landschaft auf einzigartige Weise miteinander zu verbinden. Einlass zu dem großen, an der Glen Road gelegenen Museumsgelände bekommt man nur, wenn man sich vorab auf http://www.glenstone.org für eine geführte Tour anmeldet. Die Plätze sind rar, die Grup­pen klein und die Besucher kommen aus halb Amerika. Termine an den Wochenenden sind meist lange im Voraus ausgebucht.

Zum vereinbarten Zeitpunkt wird man am Tor persönlich in Empfang genommen und via Auto­korso zum Hauptgebäude geführt. Schon draußen macht man Bekanntschaft mit bedeutender Kunst. So sind beispielsweise Werke von Richard Serra oder Elsworth Kelly zu sehen, neue­ste Errungenschaft des Museums ist der "Split Rocker" von Jeff Koons.

Eine der Spielregeln in Glenstone lautet "Keine Fotografie!", und auch mit viel Einsatz habe ich es nicht geschafft, eine Erlaubnis zum Fotografieren zu bekommen. Unsere freundliche und kompe­tente Führerin kannte trotz meiner Bemühungen keine Gnade und ich musste meine fotografi­schen Gerätschaften am Empfang abgeben. Was kann man dagegen tun? Nicht viel. Eine Möglichkeit ist es, das Gelände von außen zu fotografieren, also von öffentlichem Grund aus.

Im Internet findet man Fotos, die eben gerade die Zäune, geschlossenen Tore und Verbotsschilder zeigen, die Glenstone von außen charakterisieren. Sie wurden in der Vergangenheit genutzt, um zu illustrieren bzw. dagegen zu protestieren, wie abgeschlossen das Museum ist. Das steht natürlich jedem offen, aber soweit muss man gar nicht gehen. Glenstone ist zwar  vollständig umzäunt, doch mit etwas investigativem Spürsinn findet man in der Nähe ein teilweise unbebautes Wohngebiet, von dessen Hügeln aus man einen entfernten Blick in das weiträumige Gelände werfen kann. Man sieht nicht viel, aber wenigstens der Split-Rocker ist so prominent platziert, dass man ihn am Horizont entdeckt. So kann man wenigstens ein kleines, selbst geschossenes Erinnerungsstück mit nach Hause nehmen:

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Glenstone hat große, meist auf einen oder wenige Künstler bezogene Ausstellungen, die im Zweijahrestakt wechseln. Derzeit ist eine umfassende Retrospektive der Schweizer Künstler Fischli und Weiss zu sehen. Ich muss zugeben, dass es mir mehr als einmal die Sprache ver­schla­gen hat. Die Werke "Suddenly this overview", "The Objects for Glenstone" oder "Studio Dog" begeistern mit ihrem Witz und handfesten Überraschungen; "Visible World" mit seiner Monu­mentalität und seinem Detailreichtum.

Die kompetenten Tour Guides halten sich vornehm zurück und geben zunächst nur die nötigsten Informationen. Man muss ihren Ausführungen gut zuhören, mit offenen Augen durch die Aus­stellungen gehen und immer mal wieder nachfragen. Das Museum möchte, dass man sich eigen­ständig mit den Werken auseinandersetzt. Manche von ihnen erschließen sich erst auf den zwei­ten oder sogar dritten Blick (z.B. "The Objects for Glenstone").

Glenstone ist nicht unumstritten. Die restriktive Einlasspolitik und das Fotoverbot sind Anlass für mancherlei Kritik. Ebenso die kürzlich für eine Erweiterung des Geländes entlang der Three Sisters Road erst aufgekauften und dann abgerissenen Wohnhäuser. Als ich die Tour Guide dar­auf ansprach, antwortete sie charmant: "Normalerweise beklagen sich die Leute darüber, dass der Natur Land weggenommen wird, um darauf Häuser zu bauen. Wir entfernen die Häuser und geben sie der Natur zurück. Ist das schlecht?". Ich war erst einmal baff und habe später noch ein paar Mal über diese Aussage nachgedacht.

Fazit: Glenstone ist einen Besuch wert, und wer an moderner Kunst interessiert ist, sollte sich unbedingt für eine Füh­rung registrieren. Die museumseigene Fokussierung auf einige wenige Künstler verhindert eine Übersättigung und ermuntert, sich mit ihrem Werk näher auseinander zu setzen. Größter Wermutstropfen ist das Fotografierverbot. Wer damit leben kann, dem sei dieses sehr spezielle Museum ans Herz gelegt.

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